„Wir sind nicht nostalgisch!“ Geschichtsbilder junger Bosnierinnen

Sendung vom 8.12.2015, rbb-Kulturradio, 25 min

Bosnien-Herzegowina 20 Jahre nach dem Krieg: Das Land ist ethnisch tief zerklüftet, die Frage: „Bosniakisch, kroatisch oder serbisch?“ ist mit dem Friedensabkommen von Dayton fest in die Architektur der Gesellschaft einzementiert.

Einige junge Frauen ecken immer wieder an. Sie erkennen sich nicht wieder in dem nationalistischen Frauenbild der treusorgenden Mutter und Ehefrau. Auf der Suche nach anderen Ikonen greifen sie in die Geschichtskiste des sozialistischen Jugoslawien. Hervor ziehen sie die Partisanin. Wieso ist sie heute ein Bezugspunkt für Frauen in Bosnien-Herzegowina? Was macht sie so attraktiv?

 

Hörprobe

 

Auszug aus dem Manuskript

Hallo hier ist Adela Jušić, ist Frau Kapić schon da? Gut, dann hinterlassen sie ihr bitte eine Nachricht. Ich heiße Jušič, Adela, von der Organisation „Die Rote“ und ich rufe an wegen des Festivals „Kaleidoskop“ und einer Arbeit, die wir, Andrea Duganđić und ich zur Antifaschistischen Frauenfront dort anfertigen werden, ja der 22., ja, ja, aus Sarajevo.

[Atmo: Adela und Andrea unterhalten sich über die Abläufe]

[Sprecherin04]

Im Büro der Organisation „die Rote“ herrscht Hochbetrieb: Textbausteine abstimmen, Fotos vergrößern, Kleisterpakete abzählen. In der Stadt Tuzla steht ein Festival an. Dort wollen Adela Jušić und Andrea Duganđić eine Wand gestalten – mit Motiven und Zitaten der Antifaschistischen Frauenfront.

[Atmo Feuerzeug, Rauch inhalieren]

[…]

[Sprecherin07]

Andrea und Adela haben beide die Organisation „Die Rote“ mitbegründet. Eine Organisation für Kunst und Kultur – mit feministischem Portfolio. Die beiden sind Mitte 30, tummeln sich in Zagreb, Belgrad und Tirana auf Ausstellungen postmoderner Kunst, feminististischen Vorträgen und auf Kellerkonzerten elektronischer Musik. Sie sind gut vernetzt, international ausgebildet und kennen die angesagten Schlagwörter der Kunstdebatten. Auf dem Kulturparkett der Region fühlen sie sich wohl, doch in ihrem Alltag ecken sie immer wieder an.

[Adela07, 0:29]

Ich bin praktisch im Matriarchat aufgewachsen: Ich, Mama und meine Schwester. Man konnte nicht sagen, dass da irgendwer tonangebend war. Es war möglich einander zu widersprechen. Aber auf der Straße, in der Schule, in der Öffentlichkeit, im Fernsehen war das anders. Am Anfang dachte, ich, ich sei das Problem, weil ich keinen Vater hatte, diese Figur, die mich schützen und verteidigen soll, aber auch eine Autorität ist, die befiehlt. Ziemlich schnell habe ich dann aber verstanden, dass ich freier bin. Auch wenn diese Freiheit dann aber später zum Problem wurde. Denn sie stellt ein Problem dar. Ein Problem in der Kneipe, auf der Straße, wenn du nicht weißt, wann du besser den Mund hältst, wenn Leute von dir erwarten, dass du den Mund hältst. Da kannst du echt Situationen erleben. Gewaltvolle. sowohl physische als auch verbale Gewalt.

 

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